Nachhaltige Ökonomie als neues Konzept der Wirtschaftswissenschaften von Professor Dr. Holger Rogall

Das Motto der Deutschen Umweltstiftung „Hoffnung durch Handeln“ war immer auch mein eigenes Lebensmotto. Als ich 1972, mit 18 Jahren, in die SPD eintrat und noch in den ersten der vier Legislaturperioden – die ich seit 1991 dem Berliner Landesparlament angehörte – glaubte ich, dass die Politiker nur endlich die globalen Umweltprobleme erkennen müssten, um dann mit Hilfe von Gesetzen und Verordnungen die Rahmenbedingungen so zu verändern, dass es zu einem nachhaltigen Umbau der Volkswirtschaft kommt (anfangs nannte ich das Ziel Öko-Sozialismus). Jahre später habe ich eingesehen, dass diese Hoffnung eine Illusion war, da ich die strukturellen Hemmnisse massiv unterschätzte.

Die Mehrheit der Politiker (nicht alle) streben wie fast alle Menschen nach Sicherheit, Macht, Prestige und höherem Einkommen. Dass macht sie anfällig für diverse Formen der Anpassung an vorherrschende Ziele und Strukturen manche für Korruption. Damit unterscheiden sie sich nicht von den Managern in den Unternehmen und ihren Interessenvertretern in den Verbänden. Die Mehrzahl von ihnen glaubt an die Ziele und Dogmen traditioneller Ökonomen, die ernsthaft davon überzeugt sind, Marktkräfte und maximales Wirtschaftswachstum könnten die globalen Probleme des 21. Jahrhunderts lösen (z.B. Klimaerwärmung, Übernutzung der erneuerbaren und Verbrauch der nicht erneuerbaren Ressourcen, Vergiftung der Biosphäre, Hunger, gewaltsame Konflikte u.v.a.m.). Das führt zu einer gesellschaftlichen Erstarrung, die in normalen Zeiten zwar kleine Reformen zu lässt aber einen nachhaltigen Umbau der Volkswirtschaft verhindert, dieser Politikstil wird auch Symbolpolitik genannt. Die dargestellten Hemmnisse werden auch in Zukunft nur durch einen gesellschaftlichen Druck im Zuge der Verschärfung der globalen Probleme überwunden werden können.

Seit ich diesen Zusammenhang erkannte, habe ich mich in einem langwierigen Prozess von der Parteipolitik abgewandt und mein Engagement auf die Wissenschaft und die Unterstützung von NGOs konzentriert. Seit 1996 lehre ich – zunächst parallel zur Parlamentstätigkeit – an der Hochschule für Wirtschaft und Recht HWR (früher FHW) Volkswirtschaftslehre und Nachhaltige Ökonomie (Anfangs Neue Umweltökonomie genannt). Im Zuge der Lehre wurde mir immer bewusster, dass die Mehrzahl der Wirtschaftsfakultäten Theorien lehrt, die viele zentrale Probleme des 21. Jahrhunderts nicht behandeln und mit den Prinzipien einer Nachhaltigen Entwicklung unvereinbar sind. Daher begann ich mit Kollegen, Absolventen und Studierenden mit der Entwicklung einer nachhaltigen Wirtschaftslehre, der „Nachhaltigen Ökonomie“ und dem Nachhaltigkeitsmanagement. 2002 gründeten wir die „Gesellschaft für Nachhaltigkeit“ (GfN), 2005 das „Deutsch-Polnische Netzwerk Wissenschaftler für Nachhaltige Entwicklung“.

Nach der Veröffentlichung mehrerer Vorwerke erstellte ich 2008/09 das Lehrbuch „Nachhaltige Ökonomie“, das ins polnische und vietnamesische übersetzt wurde. Parallel hierzu initiierte die GfN, deren Vorsitzender ich bin, das „Netzwerk Nachhaltige Ökonomie“, dass heute etwa 200 Mitglieder hat. 2011 erschien das Schwesterlehrbuch „Grundlagen einer nachhaltigen Wirtschaftslehre, Volkswirtschaftslehre für die Studierenden des 21. Jahrhunderts“. Dieses Buch stellt die Wirtschaftslehre der Neoklassik und dem Keynesianismus den Erkenntnissen der Nachhaltigen Ökonomie zu den wichtigsten volkswirtschaftlichen Problemen gegenüber. Ab dem Herbst 2011 erscheint mit Unterstützung des Bundesumweltministeriums das Jahrbuch Nachhaltige Ökonomie, dessen geschäftsführender Herausgeber ich bin, dass diese nachhaltige Wirtschaftslehre transdisziplinär durch Wissenschaftler unterschiedlichster Fachrichtungen fundiert. Die Etablierung dieser neuen Wirtschaftsschule in Wissenschaft, Lehre aber auch in der gesellschaftspolitischen Diskussion ist die konkrete Vision meiner persönlichen Agenda. Hierzu suche ich weithin Mitstreiter und Teammitglieder, hierbei spielt das Netzwerk Nachhaltige Ökonomie eine besondere Rolle (www.nachhaltige-oekonomie.de).

Autoreninformation: Professor Dr. Holger Rogall (Solarpreisträger 2006) ist Hochschullehrer für Nachhaltige Ökonomie an der HWR Berlin, Autor zahlreicher Lehrbücher zu den Themen Nachhaltige Ökonomie, Beiratsmitglied der Deutschen Umweltstiftung sowie Vorsitzender der Gesellschaft für Nachhaltigkeit und Koordinator des Netzwerks Nachhaltige Ökonomie.

Dieser Beitrag wurde erstmals im Nachhaltigkeits-Magazin GLOCALIST veröffentlicht.