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Deutsche Umweltstiftung

Umweltbuch des Monats Januar 2013: "Klimawandel und Biodiversität"

dus_nl_13_01_07Der Klimawandel und der Verlust an Biodiversität zählen zu den größten Herausforderungen für die Menschheit, was zu zwei völkerrechtlich bindenden Abkommen geführt hat: zur UN-Klimarahmenkonvention und zur UN-Konvention zum Schutz der biologischen Vielfalt.

Das vorliegende Buch soll die aktuellen Erkenntnisse aus der Klima-, der Klimafolgen- und der Biodiversitätsforschung zusammenführen und die Folgen dieses Wandels für Deutschland aufzeigen. Zweifellos ein gewaltiger Anspruch. Inhaltlich wird er umfassend eingelöst, methodisch ist das nicht ganz so gut gelungen.

119 Autorinnen und Autoren widmen sich in 14 Kapiteln dem beobachteten und dem erwarteten Klima- und Biodiversitätswandel in Deutschland, deren Auswirkungen auf das Grundwasser, auf die limnischen und die marinen Lebensräume, auf die Bodenökosysteme, auf Wald und Forst, die landwirtschaftlich genutzten Flächen, die geschützten und schutzwürdigen Arten, die urban-industriellen Lebensräume und auf die Gesundheit der Bevölkerung. Und sie fragen nach den Zielkonflikten der Anpassung und Eindämmung, nach der gesellschaftlichen Wahrnehmung und Konfliktaustragung des Klima- und Biodiversitätswandels und – wie könnte es anders sein – nach dem weiteren Forschungsbedarf.

Die entwickelten regionalen Klimamodelle zeigen für das Gebiet Deutschlands einen Anstieg der durchschnittlichen Jahrestemperatur für den Zeitraum 2021 bis 2050 um 2°C und für den Zeitraum 2071 bis 2100 um 2,2 bis 4,0 °C gegenüber der Referenzperiode 1961-1990. Für die städtischen Ballungsräume (Beispiel Frankfurt) werden hingegen weit höhere Werte erwartet. (Für Berlin, Hamburg und andere Städte sind Studien zu den Auswirklungen des Klimawandels in Arbeit). Besonders spürbar wird der Klimawandel in der Verteilung der Niederschläge sein, die im Sommer um bis zu 40 % abnehmen, im Winter dagegen um eben diese Größenordnung zunehmen können. Durch diese Änderungen wird der Grundwasserspiegel absinken, was weitreichende Konsequenzen für die wasserabhängigen Ökosysteme haben und die Wasserqualität verschlechtern wird. In den limnischen Biotopen kommt es zu tiefgreifenden Veränderungen der Lebensgemeinschaften. In der Nordsee sind die winterlichen Temperaturen am Meeresboden bereits deutlich angestiegen, in der Ostsee haben zunehmende Niederschläge zu einer Abnahme des Salzgehaltes geführt, was ihre Fauna beeinträchtigt. Auch die Auswirkungen des Klima- und Biodiversitätswandels auf die Böden, auf Land- und Forstwirtschaft sind schwerwiegend. Das Buch enthält darüber hinaus regelrecht spannende Kapitel über die damit einhergehenden Veränderungen für die bereits geschützten und zukünftig schutzbedürftigen Arten, wie über die Gesundheit der Menschen, die von zunehmenden Allergien, Infektionen und durch Tiere übertragene Krankheiten bedroht sind (dem Ixodes ricinus, dem ‚Holzbock‘, wird eine große regionale Ausbreitung zugetraut).

Wer sich durch dieses voluminöse Werk durcharbeitet, kann nur staunen darüber, wie viel man bereits darüber weiß, was in Deutschland geschieht und in Zukunft geschehen kann – auch wenn es ganz unterschiedlich aufgearbeitet wird. In der politischen Bewertung der stattfindenden bzw. erwartenden negativen Entwicklungen sind die meisten Autoren jedoch eher zurückhaltend; sie sind Spezialisten, die die Konsequenzen ihrer Erkenntnisse der arbeitsteiligen Gesellschaft überlassen. Die Herausgeber aber finden in ihrer Zusammenfassung deutliche Worte darüber, was zur Eindämmung des Klimawandels und zum Stopp des Biodiversitätsverlusts in der Welt und in Deutschland geschehen müsste.

In der Wissenschaftspolitik gelte es, die Forschungsaktivitäten besser zu bündeln, um der Komplexität der Aufgaben gerecht zu werden. Um mögliche Konflikte vermeiden zu können, müsse sich die Politik um eine bessere Integration von Klimapolitik, Naturschutzpolitik und weiteren Sektorpolitiken kümmern, im Sinne einer nachhaltigen Landnutzung. Das Nationale Klimaschutzprogramm und die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt sehen sie im Grunde positiv, doch sie sollten im Sinne einer synergetischen Zielerreichung stärker zusammengeführt werden. Die Herausgeber enden mit einer Erinnerung und einer Anlehnung an Carl von Carlowitz, der vor 300 Jahren erstmals das Prinzip der Nachhaltigkeit definiert hatte; dieses Prinzip gelte es auf möglichst viele Bereiche des täglichen Lebens zu übertragen. Und sie nennen die strategischen Ansatzpunkte dazu: „Die nachhaltige Nutzung und der Schutz von Natur und Umwelt, die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Naturverbrauch, Boden- und Grundwasserschutz, die Reduktion der Treibhausgasemissionen bis hin zu Klimaneutralität von Wirtschaft und Gesellschaft sowie eine kritische Reflexion der gängigen Wachstums- und Konsummuster sind die Voraussetzungen für den Erhalt der Ökosysteme und der menschlichen Lebensgrundlagen – auch für zukünftige Generationen“ (S. 419).

Gibt es auch was zu kritisieren? Eines fällt besonders ins Auge: Man huldigt auch in diesem Buch der bei Naturwissenschaftlern üblich gewordenen Unsitte der Vielfach-Autorenschaft. Das Buch hat vier Herausgeber, wo zwei genug gewesen wären. Das zweite Kapitel hat sieben, das achte sage und schreibe 22, das vierzehnte acht Autoren. Man mag dies als korreliert sehen zur Komplexität der jeweiligen Thematik; es ist aber auch ein Verdecken von Verantwortung für den jeweiligen Text. Vermutlich würden die Herausgeber es hingegen als kluge Strategie zur notwendigen Konsensbildung in den Wissenschaften bezeichnen. Wenn es aber so viele kompetente Autoren gibt, wie hier versammelt sind, warum schreibt man dann nicht lieber mehrere Bücher? Komplex genug ist der Zusammenhang von Klima und Biodiversität allemal.

Volker Mosbrugger, Guy Brasseur, Michaela Schaller und Bernhard Stribrny (Hg.): Klimawandel und Biodiversität. Folgen für Deutschland.
Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG) 2012, 432 Seiten.
ISBN: 978-534-25235-0