Ressourcen - Kampf um knappe Schätze
Ressourcen - Kampf um knappe Schätze
= Politische Ökologie, Heft 115-116
München: oekom Verlag 2009, 90 Seiten, € 19,90
Um die ökologischen Herausforderungen unserer Zeit bewältigen zu können, braucht man vor allem Mut. Den Mut, ausgetretene Denkpfade zu verlassen, unliebsame Wahrheiten auszusprechen und unorthodoxe Lösungswege zu skizzieren. In diesen Worten beschreibt eine Zeitschrift ihr Selbstverständnis, die schon seit 20 Jahren erscheint – die Politische Ökologie. Nun liegt ein neues Heft vor, dessen Thema angesichts der aktuellen Debatten um Wüstenstrom und Nabucco-Pipeline wie gerufen kommt: „Ressourcen – Kampf um knappe Schätze“.
Jede Ausgabe der Zeitschrift beginnt mit kurzen Einstieen in das jeweilige Schwerpunktthema, wozu literarische, künstlerische oder philosophische Kurztexte verwendet werden. Im Schwerpunkt selbst wird dann das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven eingehend beleuchtet. In einer Rubrik Impulse werden neue Projekte und Konzepte präsentiert und in der Rubrik Spektrum Nachhaltigkeit finden sich weitere Fachbeiträge zu aktuellen Themen des Nachhaltigkeitsdiskurses. Wie sieht nun das Heft 115-116, ein Doppelheft, aus? Werden ausgetretene Denkpfade verlassen, unliebsame Wahrheiten ausgesprochen und unorthodoxe Lösungswege skizziert – wie viel Mut wird aufgebracht, den Kampf um knappe, knapper werdende Ressourcen zu beschreiben?
Das Beste steht gleich am Anfang, in den Einstiegen: „Das, was ihr als eure natürlichen Ressourcen bezeichnet, sind für uns unsere Verwandten“. Dieses Wort von Oren Lyons, einem Medzinmann der Irokesen, benennt die weitgehende Entfremdung des so genannten modernen Menschen von der Natur und die weitreichende Verdinglichung des Mensch-Natur-Verhältnisses, aus dem die Übernutzung der Ressourcen und die Überlastung der Biokapazität - ein zu großer „ökologischer Fußabdruck“ und ein zu schwerer „ökologischer Rucksack“ - entstanden sind. Für die Herstellung von einem Paar Schuhe werden nicht nur Leder oder Naturkautschuk sondern auch etwa 8.000 Liter virtuelles Wasser, für ein Mittelklasseauto mehr als 1.000 Kilo Eisen und Stahl und etwa 400.000 Liter virtuelles Wasser benötigt. Entsprechend spannend liest sich ein Einstieg über die Zukunft der Ressourcenverwertung, wo es um den Rückbau von Mülldeponien geht – um „waste mining“, wie die Amerikaner das nennen, wofür es im Deutschen noch kein Wort gibt.
Gut und informativ, wenn auch etwas verniedlichend, beginnt der Schwerpunkt mit einem Rückblick auf die Ressourcennutzung, einer Geschichte vom Raffen und Rauben. Und so wird schnell deutlich: der Ressourcenhunger der industriellen Moderne war nicht nur gewaltig, daraus entstand zugleich eine enorme Macht der Produzenten und Händler. Wurde eine Ressource erst einmal als solche erkannt, gab es keine Hemmungen mehr. Über die Intensität der Nutzung konnte man reden und auch über ihre Effizienz, aber nicht über Verzicht. Nachdenkenswert der Satz, mit dem der Autor (Frank Uekötter) schließt: „Der moderne Mensch denkt über Ressourcen nicht großartig nach, er nutzt sie einfach“ (S. 17).
Es folgen Beiträge, die zum Teil höchst speziell sind oder über die zu berichten nicht lohnt, bis dann über den IT-Boom und die Folgen für Entwicklungsländer berichtet wird. Echte Kreislaufwirtschaft sieht anders aus, titelt die Redaktion. Dass man IT-Geräte, aber auch Schiffe und andere Produkte dort recyclen sollte, wo sie hergestellt werden, diese logische Schlussfolgerung aber fand ich nicht. Viel Skandalisierung dann beim Thema Wasser: das Millenniumsziel über Wasserversorgung sei ein Beispiel für Fadenscheinigkeit, sagt der Autor, wobei er aber Entwicklungshilfe mit Privatisierung verwechselt.
Wirkungsgrade heißt das Kapitel, in dem es um Politik gehen soll, aber eigentlich nur Wunschträume präsentiert werden. Ehrenwerte Träume wie den, dass Ressourcen als „gemeinsames Erbe der Menschheit“ gelten und dass „Materialverantwortung“ walten sollten, wonach Rohstoffe zum Wohle der Gesellschaft und unter Wahrung der Umweltqualität gefördert und genutzt werden. Knapp, aber ohne Perspektive der Beitrag über die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie, die vorgibt, die Rohstoffproduktivität bis 2020 gegenüber 1994 zu verdoppeln, ohne dafür aber ein geeignetes Instrumentarium zu benennen und einzusetzen. Dann folgt der Beitrag zweier Professoren, die zwar über Instrumente der Ressourcenschonung reden, in der Art und Weise, wie sie das tun, aber das ganze Heft tendenziell in Misskredit bringen. Ein flottes Interview über Lebensstile wird eingeblendet, das jedoch keinen erkennbaren Bezug zum Thema Ressourcen herstellt.
Rohstoffe und Ressourcen von morgen ist der Titel eines weiteren Beitrages, der den Leser aber eher verwirrt zurücklässt. Im Jahre 2030 werde der für so genannte Zukunftstechnologien erforderliche Bedarf an Gallium und Neodym 6,63- beziehungsweise 5-mal so hoch sein wie deren gesamte heutige Weltproduktion. Wo liegt das Problem - bei der Förderung, dem Recycling, der Ressourcenproduktivität? Wenn’s bei der Förderung liegt, wird’s wohl keine Zukunftstechnologie werden, von der die Autoren träumen.
Nicht genug der Träume. Es gibt auch noch echte Überraschungen. So liest man von einem Vertreter von Greenpeace unter anderem Folgendes: „Wie in der Automobilindustrie kann Deutschland im Bereich der Umwelttechnologien eine neue Leitindustrie aufbauen“ (S. 62). Die Automobilindustrie - eine Leitindustrie? Umwelttechnologie - nur ein Bereich der Wirtschaft? Wer so denkt, sieht selbst in Strom aus Wüstengebieten so etwas „wie einen Wunschtraum der Menschheit“ (ebenda).
Versöhnend und beizeiten, zum Abschluss des Schwerpunkts, der Beitrag eines Politikers (Michael Müller) über umweltpolitische Strategien von morgen, ein Beitrag, der nicht nur auf Effizienz sondern auch auf Suffizienz und Konsistenz abstellt – und somit dem Erfinder dieser Trias, einem Wissenschaftler, Tribut zollt, auch wenn er nicht zitiert wird. Es gehe nicht allein um die Energieversorgung, die heute im Zentrum der Debatte steht: der naturverträgliche Umgang mit Materialien und Rohstoffen, das sei die Schlüsselfrage – wobei man dann nur noch Materialien und Rohstoffe durch den Begriff Ressourcen hätte ersetzen müssen.
Womit wir bei der Redaktion der Zeitschrift angekommen wären. Ungezählte Male hatte ich beim Lesen dieses Heftes Mitleid mit dem weiblichen Geschlecht und bat innerlich um Entschuldigung für Unverschuldetes. Wissend, dass die Umwälzung der Erde, das große Baggern nach Ressourcen zuerst und vor allem in den Händen des Mannes lag und weiterhin liegt – bezeichnend: die Bilder zum Start des Desertec- und des Nabucco-Projekts – tut es weh zu sehen, dass eine geschlechterneutrale Formulierung der Texte die historische Verantwortung für die Ressourcenfrage verschieben kann: auf Ingenieurinnen, Ökonominnen, Wissenschaftlerinnen, Managerinnen, Konsumentinnen. Nein, das muss nicht sein, das sollte nicht bleiben, so wertvoll und anregend die Lektüre der „Politischen Ökologie“ auch sein mag.
Udo E. Simonis
Wissenschaftszentrum Berlin (WZB)
